Rechnungslegung OR 2015

Art. 959c/OR

C. Anhang

1)

Der Anhang der Jahresrechnung ergänzt und erläutert die anderen Bestandteile der Jahresrechnung. Er enthält:

  1. Angaben über die in der Jahresrechnung angewandten Grundsätze, soweit diese nicht vom Gesetz vorgeschrieben sind;
  2. Angaben, Aufschlüsselungen, und Erläuterungen zu Positionen der Bilanz und der Erfolgsrechnung;
  3. den Gesamtbetrag der aufgelösten Wiederbeschaffungsreserven und der darüber hinausgehenden stillen Reserven, soweit dieser den Gesamtbetrag der neugebildeten derartigen Reserven übersteigt, wenn dadurch das erwirtschaftete Ergebnis wesentlich günstiger dargestellt wird;
  4. weitere vom Gesetz verlangte Angaben.

2)

Der Anhang muss weiter folgende Angaben enthalten, sofern diese nicht bereits aus der Bilanz oder der Erfolgsrechnung ersichtlich sind:

  1. Firma oder Name sowie Rechtsform und Sitz des Unternehmens;
  2. eine Erklärung darüber, ob die Anzahl Vollzeitstellen im Jahresdurchschnitt nicht über 10, über 50 beziehungsweise über 250 liegt;
  3. Firma, Rechtsform und Sitz der Unternehmen, an denen direkte oder wesentliche indirekte Beteiligungen bestehen, unter Angabe des Kapital- und Stimmenanteils;
  4. Anzahl eigener Anteile, die das Unternehmen selbst und die Unternehmen, an denen es beteiligt ist, halten;
  5. Erwerb und Veräusserung eigener Anteile und die Bedingungen, zu denen sie erworben oder veräussert wurden;
  6. der Restbetrag der Verbindlichkeiten aus kaufvertragsähnlichen Leasinggeschäften und anderen Leasingverpflichtungen, sofern diese nicht innert zwölf Monaten ab Bilanzstichtag auslaufen oder gekündigt werden können;
  7. Verbindlichkeiten gegenüber Vorsorgeeinrichtungen;
  8. der Gesamtbetrag der für Verbindlichkeiten Dritter bestellten Sicherheiten;
  9. je der Gesamtbetrag der zur Sicherung eigener Verbindlichkeiten verwendeten Aktiven sowie der Aktiven unter Eigentumsvorbehalt;
  10. rechtlich oder tatsächliche Verpflichtungen, bei denen ein Mittelfluss entweder als unwahrscheinlich erscheint oder in der Höhe nicht verlässlich geschätzt werden kann (Eventualverbindlichkeiten);
  11. Anzahl und Wert von Beteiligungsrechten oder Optionen auf solche Rechte für alle Leitungs- und Verwaltungsorgane sowie für die Mitarbeitenden;
  12. Erläuterungen zu ausserordentlichen, einmaligen oder periodenfremden Positionen der Erfolgsrechnung;
  13. wesentliche Ereignisse nach dem Bilanzstichtag;
  14. bei einem vorzeitigen Rücktritt der Revisionsstelle: die Gründe, die dazu geführt haben.

3)

Einzelunternehmen und Personengesellschaften können auf die Erstellung des Anhangs verzichten, wenn sie nicht zur Rechnungslegung nach den Vorschriften für grössere Unternehmen verpflichtet sind. Werden in den Vorschriften zur Mindestgliederung von Bilanz und Erfolgsrechnung zusätzliche Angaben gefordert und wird auf die Erstellung eines Anhangs verzichtet, so sind diese Angaben direkt in der Bilanz oder in der Erfolgsrechnung auszuweisen.

4) Unternehmen, die Anleihensobligationen ausstehend haben, müssen Angaben zu deren Beträgen, Zinssätzen, Fälligkeiten und zu den weiteren Konditionen machen.

 

Bemerkungen: Der Anhang besteht aus einem "allgemeinen Teil" mit Angaben über die angewandten Grundsätze der Rechnungslegung (soweit diese nicht bereits explizit vom Gesetz vorgeschrieben sind) sowie Detailangaben (Aufschlüsselungen und nötigenfalls Erläuterungen) zu Positionen der Bilanz und Erfolgsrechnung soweit dies unter Beachtung der Grundsätze der Bilanzklarheit und Verständlichkeit - und für eine zuverlässige Urteilsbildung zur wirtschaftlichen Lage - als notwendig erscheint. Unter Punkt 2 sind beispielsweise auch Angaben zur Bewertung von Aktiven zu einem beobachtbaren Marktpreis zu machen (vergl. Art. 960b Abs.1 OR). Weiter muss der Gesamtbetrag der aufgelösten nicht bilanzierten Reserven "stillen Reserven" angegeben werden, insofern durch diese Reserveauflösung das Jahresendergebnis wesentlich besser ausgewiesen wird - als dieses ohne entsprechende Auflösung wäre. Im ersten Teil des Anhangs müssen auch "weitere vom Gesetz verlangte Angaben" untergebracht werden. Es sind dies konkret: Abweichungen von der Annahme der Fortführung und deren Einfluss auf die wirtschaftliche Lage (Art. 958a Abs. 3 OR); Ausweis von "speziellen" Bilanzpositionen (Art. 959a Abs. 3 OR); allenfalls Forderungen und Verbindlichkeiten gegenüber Nahestehenden (Art. 959a Abs. 4 OR); Ausweis Personalaufwand sowie Abschreibungen und Wertberichtigungen im Falle einer Absatzerfolgsrechnung (Art. 959b Abs. 4 OR); allenfalls Ausweis von weiteren Positionen der Erfolgsrechnung (Art. 959b Abs. 5 OR). Weitere Zusatzinformationen, die nicht ausdrücklich vom Gesetz verlangt werden aber zur Einhaltung der Bilanzklarheit und Verständlichkeit offengelegt werden müssen (z.B. die Änderung oder Anpassung von Abschreibungssätzen), sind sinnvollerweise unter Punkt 2 des Absatzes 1 auszuweisen.    

Die im zweiten Teil des Anhangs verlangten Informationen sind grösstenteils selbsterklärend. Besondere Beachtung ist den Angaben zu Eventualverbindlichkeiten beizumessen (Abs. 2, Punkt 10). Vertragliche Geschäftsvereinbarungen bezüglich Gewährleistungs- oder Garantieklauseln, laufende Rechtsfälle, Sanierungszusagen (wie Patronatserklärungen), etc. und dazugehörige Risiken sind genau zu analysieren, um allfällige Sachverhalte angemessen offen zu legen. Weiter ist diesbezüglich die Abgrenzung zu den bilanzierungspflichtigen Verbindlichkeiten und insbesondere den Rückstellungen zu beachten 1). Beim Punkt "wesentliche Ereignisse nach dem Bilanzstichtag" ist über positive oder negative Ereignisse zu informieren, die zwischen dem Bilanzstichtag und der Genehmigung der Jahresrechnung durch das zuständige Organ eintreten. Primär geht es um Ereignisse, die im folgenden Jahr zu einem Mittelabfluss führen aber im laufenden Jahr noch nicht bilanzierungspflichtig sind (Stichtagsprinzip).

Die Vorschriften bezüglich im Anhang offenlegungspflichtigen Informationen und Sachverhalten sind gegenüber Art. 663b ORalt, welcher primär für die Aktiengesellschaft galt bzw. im Normalfall noch bis Ende 2014 gilt, wesentlich umfassender und anspruchsvoller. Die mit der Rechnungslegung und Abschlusserstellung betrauten Personen müssen rechtzeitig Vorkehrungen zur entsprechenden Informationsbeschaffung treffend und nach Bedarf auch ausserbuchhalterische Kontrollen führen, wie z.B. eine "Schattenrechnung" zur Überwachung der Entwicklung der stillen Reserven. Einzelfirmen und Personengesellschaften müssen die Relevanz der Vorschriften mindestens im Zusammenhang mit Absatz 3 prüfen. Der Anhang ist gesetzlicher Teil der Jahresrechnung und muss, sobald er nach Bestimmungen des Wahlrechts gemäss Absatz 3 auch bei Einzelunternehmen und Personengesellschaften erstellt wird, mit der Steuererklärung den Steuerbehörden eingereicht werden.

Grössere Unternehmen haben zusätzliche Offenlegungsvorschriften zu beachten.

1) Peter Böckli unterteilt die Abgrenzung in 4 Stufen: Kein Vermerk im Anhang; Vermerk im Anhang; Erfassung einer Rückstellung und Erfassung einer Schuld. Siehe dazu Peter Böckli in der Schweizer Treuhänder 11/2012, Seite 824.