Zerstörung des Berufsstandes des KMU-Wirtschaftsprüfers

Die Regulierungswut nimmt in der Schweiz immer groteskere Züge an. So ist man zurzeit daran, ein seit Jahrzehnten bestens bewährtes und funktionierendes System des KMU-Wirtschaftsprüfers zu zerstören.

Neustes Beispiel ist der Entwurf einer Weisung der OAK BV. Danach muss die Revisionsgesellschaft (welche Vorsorgewerke prüfen will) innerhalb eines Kalenderjahres im Minimum 1000 Prüfstunden für Einrichtungen der beruflichen Vorsorge leisten. Diese Bestimmung führt defacto dazu, dass die Prüfung von Vorsorgeeinrichtungen nur noch einer Handvoll Gesellschaften vorenthalten bleibt. Die Bestimmung führt zu einer Verarmung im Berufsstand des Wirtschaftsprüfers und zu einer schlechteren Prüfung. Ausser einen enormen Kostenanstieg für die Vorsorgeeinrichtungen wird es nichts bringen.

Liebe Berufskollegen wehrt Euch für Euren Berufsstand so lange es noch nicht zu spät ist und werdet aktiv. Nachfolgend meine Nachricht an Herrn Triponez:

 

Sehr geehrter Herr Triponez

Ab dieser Weisung und der Auflage von 1000 Prüfstunden pro Jahr bin ich absolut schockiert. Das kann echt nicht sein!!!

Ich bin ein wirklich unabhängiger Wirtschaftsprüfer und bin komplett frustriet ab einer, entschuldigen Sie mich, „perversen“ regulatorischen Entwicklung. Ich habe bei meiner bisherigen WP Tätigkeit schon weit über 500 Organisationen (KMU’s, Vorsorgeeinrichtungen, klassische Stiftungen, NPO's, etc.) verschiedenster Grösse geprüft. Ebenfalls habe ich mehrere Pensionskassen in Krisensituationen betreut (Mandate als kommissarischer Verwalter).

Die grossen WP-Gesellschaften arbeiten heute mit einer teils bedenklichen Qualität. Über die QS-Vorschriften und Systeme erfolgt eine Industrialisierung der Dienstleistung. D.h., wann immer möglich werden Arbeitsabläufe schematisiert und nach Standardprozedur abgewickelt. Dabei erfolgt eine systematische Abwicklung von unten (Juniors) nach oben. Bewusst werden die Juniors ins kalte Wasser geworfen – denn das QS-System hat so viele Stufen, dass man davon ausgeht, dass am Schluss die Arbeit korrekt ist. Im mittleren Management fehlt die Erfahrung und Weitsicht und die Partner haben keinen Bezug mehr zur eigentlichen Arbeit an der Front. Ein für KMU’s katastrophales anglosächsisches Modell ohne Mehrwert.

Ich flehe Sie buchstäblich an: Hören Sie bitte auf solche Papiere zu produzieren. Sie zerstören einen ganzen Berufsstand.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Freundliche Grüsse, Cordiales salutations
André Bolla AudEx AG/SA

 

Die Stärke des KMU-Wirtschaftsprüfers ist seine Vielseitigkeit. Er ist nach wie vor Generalist und bietet dem Prüfkunden eine externe Compliance Unterstützung aus einer Hand. Das ist der geschätzte Mehrwert und Teil des Geschäftsmodells. Die Funktion des KMU-Wirtschaftsprüfers hat auch einen unbezahlbaren volkwirtschaftlichen Nutzen. Über die KMU-Prüfung wird eine korrekte Rechnungslegung sichergestellt und die steuerliche Veranlagung wird vereinfacht. Auch im Krisenfall ist der KMU-Prüfer eine verlässliche Ansprechstelle für den Unternehmer, denn er hat Erfahrung aus anderen Fällen und kann Aufzeigen, was das Unternehmen rechtlich für Möglichkeiten hat und ob beispielsweise ein Sanierungskonzept realistisch ist. Im Falle einer offensichtlichen Überschuldung eines Unternehmens muss der KMU-Prüfer notfalls auch selber die Reissleine ziehen und die Überschuldung dem Richter melden. Der KMU-Wirtschaftsprüfer bietet dem Unternehmer einen diskreten Beistand und Sicherheit bezüglich seiner finanziellen Rechenschaftsablage. Der Unternehmer kann vom Know-how des Prüfers, der eben auch in viele andere Unternehmen Einblick hat, profitieren. 

Sicher, es geht im hier kritisierten Bereich um Vorsorgeeinrichtungen und nicht direkt um KMU's. Die klassische Vorsorgeeinrichtung (so wie diese wenigstens ursprünglich im Gesetz vorgesehen war) gehört jedoch auch zur KMU. Es gibt immer noch Unternehmen, die solche Stiftungen selber betreiben. Solche Stiftungen können auch problemlos vom klassischen Wirtschaftsprüfer mit Spezialkompetenz im Bereich BVG geprüft werden.

Weiter ist bei der aktuellen Regulierungswut zu befürchten, dass vergleichbare Bestimmungen bald auch für den normalen KMU-Prüfer kommen werden. EXPERTsuisse (früher Treuhand-Kammer) arbeitet in die Hände der grossen Treuhandgesellschaften und wird sich für den Generalisten und KMU-Prüfer nicht einsetzen. Dieser wird als Feld-/Wiesen-Treuhänder abgetan und nur noch belächelt.